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Di 18. Dez 2012, 12:46

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Registriert: Fr 4. Jun 2010, 13:36
Beiträge: 2442
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Der Einfachheit halber füge ich hier nochmals die Datei mit dem im Beitrag genannten "Brückenschlag" ein:

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Mo 17. Dez 2012, 17:35

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Registriert: Mi 1. Feb 2012, 00:05
Beiträge: 27

Sehr geehrte Zuhörer,

es zeigt sich, daß mir das Format der direkten virtuellen Ansprache am meisten liegt. Diesmal wollte ich zu „Diagnose und Genese“ sprechen. Im Sinne einer Weiterentwicklung werde ich da versuchen, aus der Perspektive eines Mediziners meinen Werdegang zu beschreiben.
Aber ich habe noch nicht die Energie für eine tragfähige Gedankenkonstruktion gefunden. Größeren Aufgaben muß ich mich daher in Teilstücken nähern, zum Teil durch die kalte Küche hindurch. Deshalb möchte ich mich heute vorerst neue Erkenntnisse zur autistischen Verarbeitung emotionaler Erfahrungen vorstellen.

Bevor ich beginne, möchte ich aber auf zwei andere Dinge hinweisen:

Mein Blog hat seinen Ursprung in meinem ersten Vortrag, den ich „Der Brückenschlag“ nannte. Ich betrachte ihn als Grundlage meiner Gedanken zum Thema Autismus. Dieser Vortrag wurde von mir noch schriftlich verbessert und steht als PDF-Datei unter Blog Stefan Uhlmann 1. Versuch zur Verfügung.

Außerdem hat sich meine Stadtführer-Website weiterentwickelt. Unsere Seite ziert jetzt ein Reichstagstour-Werbevideo, das anzusehen ich Sie einladen möchte:
http://www.stefansberlintour.de/videos/

Diese organisatorischen Dinge zuerst. Nun zur emotionalen Verarbeitung.
Autisten können, wie Sie wissen, sich Dinge sehr gut merken. Erinnerte Tatsachen und Daten sind zunächst ein Vorteil. Sie geben größeren Argumentationsspielraum.
Es entspricht allerdings auch einem Zwischenlager, welches immer weiter mit Waren aufgefüllt wird, die aber nicht abtransportiert werden. Und zwar deswegen nicht, weil dem Lagerleiter nicht bekannt ist, wozu diese Waren gut sind und dementsprechend auch unklar ist, wo sie hintransportiert werden sollen.

Das Gedächtnis teilt sich von seinen Anforderungen her gesehen aber in zwei Dimensionen, die auch zwei Seiten einer Medaille entsprechen. Der Tatsachenwust ist das eine und kann ab einer gewissen Reflexionstiefe auch vorteilhaft eingesetzt werden.
Im Gegensatz zu Tatsachen sind erinnerte Gefühle aber sehr gefährlich. Wie eine Badewanne, in der ein vielfältiger Chemie-Cocktail zusammengeschüttet wird, unter Temperaturen, die chemische Reaktionen ermöglichen.
Normalerweise hat jede Badewanne einen Abfluß. Bei Autisten ist er verstopft. Der Abfluß, das sind die verstandenen Gefühlssignale an unsere Umwelt. Wenn wir verstanden und aufgehoben sind, leert sich die Wanne, beziehungsweise sie füllt sich mit Luft und Liebe.
Namentlich muß es die Möglichkeit einer starken Schulter, einer Brust oder einem Schoß geben, wo Weinen und Jammern erlaubt sind. Weinen und Jammern entsprechen einem geistigen Abhusten. In meinem Leben besteht diese Möglichkeit bisher nicht, und hat niemals stabil bestanden. Ich weiß nicht, wie sich das emotional anfühlt. Ich renne also mit einem explosiven Badewannen-Cocktail in meinem riesigen Wasserkopf herum, um das Bild auf die Spitze zu treiben.
Daher schließen sich die beiden Hauptvorschläge meines neurotypischen Umfeldes für mein Handeln – authentisch sein, aber nicht jammern – gegenseitig aus. Was nun?

In meiner Welt gibt es einen Vorteil: Aufgeworfene Fragen bleiben nicht unbeantwortet. Die Antwort ergab sich durch den Besuch bei einer Heilpraktikerin, die ich im Elternkreis kennengelernt habe.
Meinem Bruder gegenüber konnte ich am Todestag unserer Mutter keine Gefühle ihr gegenüber benennen. Bei der Heilprakterin wich ich der Frage nach den Gefühlen zur Familie zweimal aus, weil ich bemerkte, daß sich im Inneren etwas zu lösen begann. Und noch einen Erkenntnisschritt weiter verstand ich, das es genau darauf ankommt.
In meiner Welt – den Ausdruck verwende ich zunehmend – weise ich Experten gerne Aufgabenstellungen zu, die diese dann eigenverantwortlich bearbeiten sollen. Oft empfinden diese das als zu weitgehend, aber das System weist doch ganz erhebliche Vorteile auf, weil es ermöglicht, sämtliche Probleme einem Lösungsansatz näher zu bringen. Die Alternative aus meiner Sicht wäre nur der Vogel Strauß. Ich stelle mir jetzt vor, daß ich durch Besuche bei der Heilprakterin seelisch abhuste. Handauflegen – dieser geisterbeschwörerisch unterlegte Begriff – stellt den Abfluß der Badewanne dar. Durch den Arm saugt die Heilpraktikerin den Cocktail ab. Damit muß sie dann fertig werden. Denn es darf nicht chirurgisch-medizinisch-kalt, sondern es muß warmherzig-verständnisvoll erfolgen, wenn es wirken soll. Die Heilpraktikerin muß also seelisch stark sein.
Durch diese seelische Stärkung gewinne ich dann Spielraum für Optimismus. Es hat sich jetzt erstmals erwiesen, daß es mir in meiner jetztigen Lage, also mit beruflicher Zukunft, glaubwürdig möglich ist, nach durchschnittlichen Maßstäben positiv auszustrahlen, eine schöne Zukunft zu malen, und das daraus wieder positive Impulse entstehen, also das Gegenteil von einem Teufelskreis.
Damit einher geht, von niedrigem Ausgangsniveau, ein immer besseres Verstehen emotionaler Signale. Gefühlskommunikation in ihrer eleganten Ästhetik kommt in den Fokus. Also weg von der Sichtweise, es handele sich um Lügen und Selbstbetrug. Das bleibt zwar richtig, spielt für das Leben in unserer Spezies und allen anderen aber kaum eine Rolle. Kommunikation als Tanz. Noch bin ich der Bauerntrampel beim Menuett.

Trotzdem: Ich befinde mich derzeit auf einem guten Weg, wie mir auch von mehreren Seiten beschieden wird. Die Schlagworte, auf die ich in meinem Sozialverhalten weiter achten werde, heißen: Experten-Einbeziehung, kontrolliertes Abhusten, Optimismus, und eine Vortritt lassende Zurückhaltung, die meine befremdenden Züge mildert.

Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten



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