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Sa 19. Jan 2013, 01:07

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Registriert: Mi 1. Feb 2012, 00:05
Beiträge: 27

Liebe Zuhörer,

die gesellschaftliche Bearbeitung des Themas Autismus kommt nicht so recht vom Fleck. Grundsätzlich sind natürlich Fortschritte gemacht worden. 1944 in Wien – gerne wird verschwiegen, daß es sich dabei ja wohl um die Zeit des Dritten Reichs gehandelt haben muß: ein typischer Fall von Tabu, und mir ist auch nicht wohl dabei, es festzustellen – wurde zum ersten Mal der Zusammenhang verschiedener Symptome aktenkundig. --- Schnitt.
Im Zuge der Bearbeitung meines Magisterthemas gewann ich erhebliche Einblicke in die Verhältnisse einer bestimmte Gruppe – bestehend aus deutschen Geographen, Militärs, Politikern, Wissenschaftlern und Kolonialpionieren. Die Zeitspanne umfaßt die Jahre 1873 - 1885. Die Protokolle dieser Gruppe und ihre Beigaben zeigen in aller Klarheit, daß frühere Zeiten nicht dümmer gewesen sind. Zu etwaigem Hochmut unserer Zeit nach dem Motto: „Wir stehen auf den Schultern von Riesen.“ – Hochmut deswegen, weil man für sich einen überlegenen Blick reklamiert – besteht tatsächlich kein Anlaß. Was auf der einen Seite kommt, fällt auf der anderen wieder runter, denn der Teller ist voll.
Im Grunde stellt sich hier die Frage, ob die ganze Reflexion unserer Zeit – Autisten meine ich jetzt nicht, weil Reflexion hier notwendig ist – ob die ganze Reflexion unserer Zeit nicht doch den Frosch tötet, den sie seziert. Aber lassen wir das. Vergessen wir nur nicht, daß es im Kern um „Leben leben“ geht.
Trotz alledem: Es sind Fortschritte gemacht worden. Wenn bis 1944, also auch in meinem Untersuchungszeitraum, noch nie jemand auf die Idee kam, scheinbar normale Menschen könnten emotional dumm sein, ist das erstaunlich. Ich überblicke hier nicht, welche Tragweite das hat, aber es ist nicht banal.
Es ist natürlich eine große Erleichterung, die eigene Identität zu verstehen, und eine Reihe anderer Leute wurden mir in ihrem Verhalten, in unseren Streitigkeiten, verständlich. Auch ich habe andere Autisten nicht erkannt. So gesehen ist es ein Fortschritt, der durch die allgemeine Entfremdung aber wieder in Frage gestellt wird.
Wir stehen an einem Punkt, der große Fortschritte suggeriert, in Wahrheit aber vor allem Staub aufwirbelt. Letztendlich bleiben Autisten die Loser, ganz egal, was gemacht wird.
Ich habe das jetzt extra geschrieben. Nicht, um Ihnen weh zu tun, sondern um Sie aufzurütteln!
Das Kernproblem an der Suche nach autistischen Lösungen ist doch, daß sie von Neurotypischen entwickelt, gemacht und betreut werden. „Das kann ja nichts werden!“: möchte ich leicht ironisch rufen. Ich postuliere: Solange Neurotypische die Antworten auf autistische Defizite entwerfen, läuft es auf eine Abschiebung der Autisten hinaus. Und zwar deswegen, weil es für die neurotypischen Experten doch nur ein Job ist. Noch kein Autismus-Arzt war irgendwo irgendwie daran interessiert, was ich zum Thema Autismus zu sagen habe. Neurotypische Ärzte wollen vor allem Recht haben. Ihnen geht es um ihre soziale Stellung. Von diesen Ärzten kriegen Sie daher auch nur „Altersheimbetreuung“.
Die Autismus-Ärzte profitieren natürlich durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Aufgrund der Zahlenverhältnisse entstehen Beziehungen wie zwischen Star und Fan. Versenken Sie sich bitte etwas in diesen unangenehmen Gedanken. ;-)
„Deutschland sucht den Superstar“ hat den gleichen Güte-Erfolg wie „Deutschland sucht seinen besten Autismus-Arzt.“ So werden Sie den besten nicht finden.---Schnitt.
Ich möchte jetzt direkt all Jene ansprechen, die persönlich verstrickt sind. Ohne den politischen Gehalt zu tangieren, zitiere ich die Internationale:

„Es rettet uns kein höhres Wesen,
kein Gott, kein Kaiser noch Tribun.
Uns aus dem Elend zu erlösen,
müssen wir schon selber tun.“

Ich sehe nicht, was hier und jetzt daran falsch ist. Aber was - darf jetzt mit Recht gefragt werden – würden Autisten denn anders machen? Lösungen für Autisten, so lautet die Antwort, müssen selbstverständlich von den autistischen Strukturen her gedacht werden.
Die Struktur der autistischen Hilfe ist idealiter die Struktur eines Gehirns. Querverbindungen von Überall nach Überall. Alles, was irgendwie Ähnlichkeit hat mit einem Gehirn, ist gut. Diese Frage dürfen Sie gerne weiterdenken und Anderen bei Gelegenheit Mitteilung darüber machen.
Neben der grundlegenden Erkenntnis des Autisten, daß er seinen Gefühlen nicht trauen darf, und der daraus folgenden Konsequenz, daß er sich die Leistung einer Identitätsmetamorphose abverlangern muß, gilt für Leute von außen vor allem: „Aktivitäten können fruchten!“
Ob etwas klappt, können Sie vorher nicht wissen. Aber vielleicht klappt es ja. Vielleicht ein bißchen, vielleicht später, vielleicht ergibt sich etwas Positives, an das sie nicht gedacht haben. Wenn Sie viele verschiedenen Aktivitäten und viele Versuche starten, klappt vielleicht einiges, wahrscheinlich irgendwas. Lassen Sie es so schräg wie möglich sein. "Schräg" gibt es für Autisten nicht, oder anders: Alles ist schräg. „Aktivitäten können fruchten!“ ist motivierender als „Von nichts kommt nichts.“, meint aber dasselbe.
Es geht um zwei Dinge: Offen sein für Erkenntnis, wirklich verstehen wollen. Und das können nur Leute, die nicht dafür bezahlt werden, sondern die dafür um ihre Existenz kämpfen. Vergessen Sie nicht: Wer etwas tut, weil er bezahlt wird, will irgendwann vor allem Feierabend machen. Und dann, grad wenn’s drauf ankommt, läßt er auch mal fünfe grade sein.
Und wir müssen zusammenarbeiten, was das Zeug hält! Viele müssen viele besuchen, Viele müssen mit Vielen über viele verschiedene Dinge reden. Drehen Sie jeden Stein um. Es können sich überall Dinge finden, die helfen. Irgendeine Person kann immer irgendeiner anderen Person helfen.
Die Erfolgsmeßlatte, die in erster Linie zählt, ist die Zahl der verschiedenen zwischenmenschlichen Aktivitäten. Denn mit jeder neuen Aktivität steigt die Wahrscheinlichkeit einer nachfolgenden erweiterten Aktivität. Und je differenzierter und komplexer, umso höher die Wahrscheinlichkeit, daß es „Klick“ macht. „Klick“ macht es bei Autisten, wenn sie begreifen.---Schnitt.
Und zum Schluß gibt es noch eine Überraschung: Spielen wir "Glücksrad". Ich möchte ein "u" gegen ein "r" tauschen. Stellen wir uns uns selbst als eine sehr große Artistengruppe vor: Stellen Sie sich vor, daß wir zusammen die Oberfläche eines Balls bilden, wo wir uns an Händen und Füßen halten und gemeinsam rollen, weil wir alle die Spannung halten und extrem konzentriert sind. Und dann rollen wir über die bezahlten, Feierabend-machen-wollenden autistischen Ärzte einfach hinweg, hinein in eine strahlende Zukunft!



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