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Fr 8. Feb 2013, 12:25

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Registriert: Mi 1. Feb 2012, 00:05
Beiträge: 27

Ich halte es mit dem Autismusblog ähnlich wie mit meiner Stadtführung: Im Zentrum steht, möglichst viele Informationen und Gefühlslagen, also spezielle Informationen den Lesern und Gästen herüberzuschieben.
„Wissenschaftlich bewiesen“ hat für mich als Begrifflichkeit nur noch geringe Bedeutung. Meine Erfahrungen an der Universität sind, was echte Aufichtigkeit angeht, ziemlich enttäuschend. Universität ist Kampf um Ranking mit allen Mitteln, mehr denn je und in jeder Hinsicht. „Wer“ ist um einiges wichtiger als „was“. Diese ständige Betonung des geistigen Eigentums hilft nicht, sondern würgt ab.
In der Philosophie beispielsweise ist es doch eigentlich egal, wer was gesagt hat. Entscheidend ist die Idee. Leute werfen sich in den Seminaren aber Namen an den Kopf, und haben nur Versatzstücke parat, die sie zusammenkleben. Bei gezielten Nachfragen ist dann schnell Schluß.
Selbst möglichst viel geistiges Eigentum sammeln und allen Anderen mit juristischen und medialen Mitteln verwehren – das ist die Religion des angelsächsischen Gesellschaftssystems, welches seit 1945 auch Deutschland beherrscht.
Daher achte ich auf Schlüssigkeit und Bildstärke. Ich drehe mir die Dinge so, daß sie sich aufeinander beziehen und nicht widersprüchlich sind. Oder anders ausgedrückt: Es muß viel Regel und wenig Ausnahme geben. Wenn es ständig Ausnahmen von der Regel gibt, ist die Regel falsch, dann ist vielleicht vielmehr die Ausnahme die eigentliche Regel. Das aber wollen die Leute, welche die alte Regel aufgestellt haben bzw. sie hüten, keinesfalls hören.
Daher finde ich meine eigenen Worte, Zusammensetzungen und mein eigenes Bezugssystem.

Den untypische Umstand, daß ich trotz ständiger Rückschläge immer wieder sozialen Kontakt suche, liegt, so meine Sichtweise, in meiner bipolaren Störung. Die Kombination aus emotionaler Naivität ( = Autismus = soziale Schwäche) und sozialer Überflüssigkeit einerseits sowie starkem Willen andererseits ergeben in meinem Fall die bipolare Störung. Der Wille reicht nur, Beulen in die Zellenwände zu schlagen, bevor man wieder in die Depression zurücksinkt.
Nur, wenn analytische Intelligenz in emotionale Intelligenz umgewandelt werden kann, kann man einen Ausbruch ins Auge fassen. Und die wichtigste Erkenntnis dabei ist – ich wiederhole mich – als „aufgeklärter Autist“ die eigenen Emotionen grundsätzlich in Frage zu stellen. Die bequeme Abkürzung, den eigenen Emotionen als Autist doch trauen zu wollen, zu glauben, daß es mit den eigenen Emotionen irgendwie doch seine Richtigkeit hat, wie mir neulich eine Autistin „versicherte“, bedeutet ein Verharren in der eigenen, im Laufe der Zeit mutmaßlich kleiner werdenden Komfortzone. Sie allerdings hat immerhin eine Komfortzone.
Ich ziehe daraus den Schluß, daß man bei der Behandlung zwei Arten von Autisten scheiden muß. Einmal denjenigen, denen es einigermaßen gut geht. „Einigermaßen“ ist hier gering veranschlagt: Daß es irgendwie geht. Das sind Leute mit sozialer Komfortzone, namentlich in der Familie. Die Kinder des Elternzentrums dürften dazugehören.
Aber aus dieser Lage entwickelt sich nicht ausreichend Überlebensenergie, um über die Komfortzone hinaus in die Gesellschaft einzudringen, denn die in der Komfortzone gemachten Erfahrungen kann man nicht hochrechnen.
Wirklich um ein Eindringen die Gesellschaft kämpfen werden doch nur die Leute, die bei Strafe des emotionalen Untergangs keine andere Wahl haben, weil sie keine Komfortzone haben. 60 unterschiedliche soziale Gruppen, so hatte ich vor sieben Jahren einmal ausgerechnet, habe ich kennengelernt, und alle haben mich mehr oder weniger abgelehnt.
Ich erinnere mich diesbezüglich ausgezeichnet. Bei der Bundeswehr sagte mir ein Stabsobergefreiter mal: „Du bist irgendwie schon komisch.“ Obwohl dieser Mann eher harmlos war, vielleicht aber auch gerade deswegen, war ich sehr verletzt, weil die Ausgrenzung offenkundig war.
Eine Änderung trat ein, als ich die Regel einführte, Verhältnisse unterhalb von Augenhöhe als wertlos zu betrachten. Das fühlt sich dann so an, daß es gewisse Gelegenheiten für Augenhöhe gibt, die man nutzen kann, man sich im Übrigen aber bescheiden muß. Besitze ich einer Person gegenüber die Lizenz zum Anrufen? Das frage ich mich häufig, wenn ich mich einsam fühle, und meistens heißt die Antwort „Nein“.
Immerhin steigt so trotz aller Rückschläge der Respekt des Umfeldes (nicht unbedingt die Zuneigung) und die einzelnen Beziehungen, so es noch welche gibt, gewinnen an Wert.
Als ich neulich pokern war, gab es eine ähnliche Situation wie mit dem Stabssergeanten: „Du bist schon komisch“: sagte ein einfach und ehrlich gestrickter Teilnehmer.
Als ich meinem Freund Matthias, Behindertenbetreuer, der die Pokerrunde ausrichtete, kürzlich den Zusammenhang erläuterte, antwortete er: „Menschen, die so etwas ernst meinen, wissen nicht, daß soziale Teilhabe oft nur ein schmaler Grat ist.“
Es vergingen einige Sekunden, bis ich ihm meinen Respekt für diese Aussage übermitteln konnte, denn etwas Wichtiges war geschehen: Soziale Teilhabe als schmaler Grat – das ist ein gutes Bild, und zwar in doppelter Hinsicht.
„Soziale Teilhabe“ kannte ich als Kategorie bisher nicht. Eine „Weiße Wand“ – vorhanden, aber für mich nicht sichtbar. Ich kämpfe um meine „soziale Stellung“. Eine starke Stellung, das heißt unter autistischen Bedingungen: ein Bunker mit Panzerkuppel und schwerer Artillerie, jederzeit bereit, das Feuer zu eröffnen. Wer meine Stellung angreift, so die Botschaft, bezahlt dafür.
„Soziale Teilhabe“ ist etwas ganz Anderes. Es ist etwas Gemeinsames, es ist etwas Vorübergehendes, und es ist etwas, wo Kompromisse möglich sind. Mich als (randständigen) Gast gelegentlich zu akzeptieren, fällt sicher um einiges leichter, als mir eine bedeutende Stellung dauerhaft zu überlassen.
Und der „schmale Grat“, mit Abgründen links und rechts aus „deren“ und meinen Unzulänglichkeiten gibt die Strategie vor. Ein vorsichtiges Vorantasten über den Bergrücken. Einen spitzen Bergkamm entlangzulaufen ist sicher nicht einfach, aber doch möglich. Auf jeden Fall ist es leichter, als eine Festung zu stürmen. Wie lange schafft man es, dazu zugehören? Von mal zu mal länger – das wäre ein Erfolg. „Soziale Teilhabe“, das kann auch ein Gemeinschaftsprojekt sein, in dem guter Willen zuhause ist.
Der Begriff als solcher hat eingeschlagen wie eine Bombe, sicher auch wegen der sehr guten, dem Moment so angemessenen Formulierung. Die kleine Perspektivverschiebung von „sozialer Stellung“ zu „sozialer Teilhabe“ rückt die Probleme ins rechte Licht.

Mein Bruder stellte sich ein Armutszeugnis dafür aus, daß er nach Jahrzehnten nicht selbst diese Idee hatte. Es zeigt aber auch: Die sorgfältige und innovative Anordnung von Kategorien ist die Grundlage für eine konstruktive Zusammenarbeit. Welche Denkkategorien führen zusammen? An dieser Frage müssen wir dranbleiben!



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